Im Meer der Zeit nicht untergehn
Im Meer der Zeit den Tag bestehn
Den Tag bestehn und weiter weiter weiter gehn.
Ein Atemzug, ein Fingerzeig,
ein Lachen und ein Wort,
ein Atemzug, ein Fingerzeig,
ich spüre meinen Gott.
In jeder Angst und Einsamkeit,
in allergrößter Not,
in jeder Angst und Einsamkeit
bist du bei mir, mein Gott.
Hans-Jürgen Netz, 1991
Am letzte Juliwochenende feiern wir meinen Abschiedsgottesdienst nach 12 Jahren Dienst in unserer Kirchengemeinde. Wir feiern das mit unserem Gemeindefest, das alle Jahre Ende Juli in unseren Garten einlädt. Eine grüne Oase im Herzen von Wolfratshausen.
Mein Wunsch für den Abschiedssonntag ist, noch einmal mit der Gemeinde und hoffentlich mit einigen Kolleg*innen aus unserem Dekanat zu singen. Dazu soll es am Ende des Festes eine musikalische Andacht geben. Und dabei will ich auf jeden Fall singen: „Im Meer der Zeit nicht untergehn.“ Mit dem Lied habe ich eine lange Geschichte – habe es vor ca 20 Jahren kennengelernt, bei den Klein- und Großgottesdiensten in meiner vorigen Gemeinde, habe es dann hier bei uns bei ähnlichen Anlässen auf das Gottesdienstprogramm gesetzt.
Es ist kein altehrwürdiges Kirchenlied, aber auch kein ganz neues. Mir ist es ans Herz gewachsen. Ich sing mir damit Trost und Ermutigung zu. An ganz verschiedenen Stationen meines Lebens hat es gepasst. Ich denk an meine Anfänge hier in unserer Stadt. Da gab es erstmal eine große Veränderung. Vor kurzem noch gut vernetzt in der vorherigen Gemeinde und jetzt ohne Bindungen. Also in den Kontakt gehen und Menschen finden, mit denen ich gut etwas gestalten kann. Das ging nicht von jetzt auf gleich. Im Meer der Zeit den Tag bestehn und weiter weiter weiter gehn. Aber mit der Zeit ist ein neues Netz aus Beziehungen gewachsen. Es trägt mich. Ich bin sehr dankbar, dass es mich fast ein Jahrzehnt getragen hat. Ich bin im Meer der Zeit nicht untergangen.
Das Lied hat auch gepasst, als ich hinunter musste ins „finstere Tal“. In der Coronazeit hat mich mein Mann verlassen und meine einzige Schwester ist gestorben. „In jeder Angst und Einsamkeit bist du bei mir, mein Gott.“ Es war ein großes Glück, besser: es war ein Segen für mich, dass im Gemeindehaus Waldram es möglich war, zum stillen Gebet einzuladen. „Sitzgruppe“ nennen wir das auch etwas salopp. Denn beim stillen Gebet sitzen wir in innerer Sammlung zusammen und versuchen unser Bewusstseinsfeld zu leeren in der Hoffnung, damit in die Tiefe unserer Seele hinabzusteigen. Im Vertrauen darauf, dass dort in unserem Innersten Gott gegenwärtig ist. Diese Übung war selbst in den traurigsten Zeiten meines Lebens ein Ort des Aufatmens. Das Vertrauen auf die Eine, die All-Eine, die wir Gott nennen, ist mir – dem Himmel sei dank – nie abhanden gekommen.
So nehme ich Abschied von Ihnen, liebe Gemeinde, und wünsche Ihnen von Herzen, was uns in dem kleinen Lied zugesprochen wird – in jeder Angst und Einsamkeit bist du bei mir, mein Gott. Im Meer der Zeit den Tag bestehn und weiter weiter weiter gehe.
Es grüßt Sie herzlich,
Ihre Pfarrerin Elke Eilert
